Aktuelle Stunde:Lena Nzume: Rede zu Gewalt an Schulen
TOP 2b Aktuelle Stunde (AfD)
- Es gilt das gesprochene Wort -
Die Aktuelle Stunde der AfD-Fraktion zeichnet wieder einmal ein dramatisches Schreckensszenario und suggeriert, demokratische Parteien hätten keine Lösungen. Doch was wir hier erleben, ist kein Beitrag zur Problemlösung – es ist ein politisches Ablenkungsmanöver. Statt Verantwortung zu übernehmen, setzt die AfD wie so oft auf Angstmacherei, Zuspitzung und Schlagzeilen.
Dabei lohnt ein Blick auf die Fakten: Vor wenigen Monaten, am 20. November 2025, haben wir hier im Haus bereits ausführlich über Gewalt an Schulen debattiert – auf Grundlage eines Antrags der CDU-Fraktion. Dass die AfD dieses Thema jetzt erneut als angeblich „aktuell“ inszeniert, wirkt weniger wie Sorge um Schülerinnen und Schüler als vielmehr wie der Versuch, sich selbst politisch in Szene zu setzen – und sich gleichzeitig als möglicher Bündnispartner für andere anzudienen.
Ich sage klar: Die AfD ist in Niedersachsen kein legitimer Partner für demokratische Bildungspolitik – auch dann nicht, wenn sie versucht, sich eine bürgerliche Fassade zu geben.
Immerhin hat diese Aktuelle Stunde einen unbeabsichtigten Vorteil: Wir können darstellen, was tatsächlich passiert – jenseits von Schlagworten und Panikrhetorik.
Das Kultusministerium Niedersachsen hat gemeinsam mit anderen Ressorts einen neuen Gewaltpräventionserlass auf den Weg gebracht, der Schulen klare Leitlinien und verlässliche Strukturen gibt. Ein entscheidender Fortschritt ist der umfassende Gewaltbegriff: Er umfasst physische, psychische, sexualisierte und politisch motivierte Gewalt ebenso wie Vernachlässigung und digitale Gewaltformen. Damit wird endlich anerkannt, was Fachleute längst wissen: Gewalt ist vielfältig – und muss auch vielfältig bekämpft werden.
Kernstück ist ein rechtssicherer Interventionsleitfaden mit klaren Meldewegen und Handlungsschritten sowie einer engen Verzahnung mit Jugendhilfe, Polizei und Justiz. Ergänzend stärken praxisnahe Handreichungen die Prävention. Schulen sind verpflichtet, ihre Konzepte weiterzuentwickeln und Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt zu verankern. Zugleich rückt erstmals ausdrücklich auch Gewalt gegen Lehrkräfte und schulisches Personal in den Fokus.
Parallel stärken wir die psychische Resilienz junger Menschen – mit Mental-Health-Angeboten, ausgebauter Schulpsychologie, Beratungsstrukturen und multiprofessionellen Teams.
Denn wenn wir über Gewalt sprechen, sprechen wir nicht über Einzelfälle. Wir sprechen über eine Realität, die viele Kinder täglich erleben. Gewalt hat viele Gesichter: Sie kann laut sein – ein Schlag, eine Drohung. Aber sie kann auch leise sein – ein Blick, ein Kommentar, eine Nachricht auf dem Handy, die mitten ins Herz trifft.
Und gerade diese leisen Formen sind auch gefährlich. Sie greifen Selbstvertrauen und Zugehörigkeitsgefühl an. Sie zeigen uns: Gewalt beginnt nicht erst mit der Faust. Sie beginnt mit Ausgrenzung, mit Worten, mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören.
Oft entsteht Gewalt aus Druck. Wenn Kinder mit Sorgen in die Schule kommen – Leistungsstress, familiäre Belastungen, Zukunftsängste –, dann tragen sie eine Last, die wir nicht sehen, die aber wirkt. Deshalb reicht es nicht, nur über Sanktionen zu reden. Mehr Härte allein löst kein Problem. Schulverweise und Ausschlüsse verschieben Schwierigkeiten nur – sie lösen sie nicht.
Die eigentliche Frage lautet: Wie gestalten wir Schule so, dass Druck nicht eskaliert? Leistungsdruck entsteht nicht zufällig. Er entsteht durch Strukturen: ständige Bewertungen, Zeitdruck, Vergleichssysteme und starre Lernrhythmen. Wenn alle zur gleichen Zeit dasselbe lernen sollen, werden Unterschiede schnell als Defizit bewertet statt als Vielfalt verstanden.
Darum verändern wir Lernsettings – etwa im Freiräumeprozess. Schulen, die individueller arbeiten, berichten von weniger Konflikten, mehr Motivation und besseren Leistungen. Ich habe selbst eine Oberschule in Wilhelmshaven besucht, die genau diesen Weg geht – mit spürbar besserem Schulklima.
Und während wir hier sachlich über Lösungen sprechen, fällt auf: Eine Fraktion beschäftigt sich offenbar mehr mit Schlagzeilen als mit Schulrealität. Doch wir sind nicht hier für Schlagzeilen. Wir sind hier für die Kinder.
Unser Ziel ist klar: Eine Schule, in der jedes Kind sagen kann: Ich bin sicher. Ich werde gesehen. Ich bin wertvoll. Ich gehöre dazu. Wenn wir das erreichen, schaffen wir nicht nur weniger Gewalt. Wir schaffen mehr Zukunft.